Pacing: Wie Macht sich anpasst, um Widerstand zu vermeiden

Zwei Frauen in einem Konferenzraum stehen symbolisch für Pacing als Übergang von Anpassung zu gezielter Führung.

Pacing gehört zu den unscheinbarsten, zugleich aber wirkungsvollsten Techniken moderner Manipulation. Während viele Machttechniken auf Konfrontation, Zuspitzung oder offene Steuerung setzen, arbeitet Pacing mit Anpassung. Es ist die Kunst, sich zunächst dem Gegenüber anzugleichen, um später führen zu können. Macht tritt hier nicht als Gegensatz auf, sondern als Spiegel. Genau darin liegt ihre Gefährlichkeit: Wer sich wiedererkennt, widerspricht nicht.

Der Begriff stammt ursprünglich aus der Kommunikations- und Verhaltenstheorie und beschreibt ein Vorgehen, bei dem bestehende Einstellungen, Emotionen oder Wahrnehmungen des Gegenübers aufgegriffen und bestätigt werden. Erst wenn diese Übereinstimmung etabliert ist, erfolgt eine schrittweise Verschiebung von Deutungen, Bewertungen oder Handlungsimpulsen. Pacing ist damit keine Technik der Überredung, sondern der Anschlussfähigkeit. Es schafft Vertrauen, indem es Nähe simuliert.

Im politischen und medialen Kontext ist Pacing besonders effektiv, weil es Widerstand präventiv entschärft. Statt neue Positionen frontal einzuführen, werden bestehende Überzeugungen zunächst bestätigt. Kritik wird integriert, nicht bekämpft. Skepsis wird anerkannt, nicht delegitimiert. Dadurch entsteht der Eindruck von Offenheit und Dialog, während die Richtung der Entwicklung bereits festgelegt ist. Pacing erzeugt das Gefühl, gehört zu werden – ohne reale Mitsprache zu ermöglichen.

Strukturell lässt sich Pacing als vorbereitende Technik verstehen. Es schafft die Voraussetzungen dafür, dass andere Manipulationsformen reibungslos greifen können. Ohne Pacing wirken Framing-Versuche schnell ideologisch, Agenda Setting erscheint autoritär, Priming aufdringlich. Mit Pacing hingegen wirken dieselben Mechanismen organisch und nachvollziehbar. Die Macht tarnt sich als Konsens.

Ein klassisches Beispiel ist die politische Kommunikation in Krisensituationen. Statt sofort restriktive Maßnahmen zu begründen, wird zunächst das Gefühl der Bevölkerung gespiegelt: Unsicherheit, Angst, Ermüdung, Wut. Diese Emotionen werden nicht negiert, sondern explizit benannt. Erst danach folgt die Lenkung: alternative Bewertungen, neue Prioritäten, veränderte Verantwortungszuschreibungen. Wer sich emotional abgeholt fühlt, hinterfragt die anschließende Verschiebung seltener.

Medial funktioniert Pacing über Narrative der Identifikation. Akteure sprechen „die Sprache der Leute“, übernehmen deren Begriffe, Metaphern und Sorgen. Dadurch erscheinen sie als Teil derselben Wirklichkeit. Diese Nähe ist jedoch strategisch. Sie dient nicht dem Austausch, sondern der Vorbereitung von Führung. Der Übergang von Pacing zu Leading ist fließend und meist unsichtbar.

Besonders wirksam ist Pacing dort, wo Misstrauen gegenüber Macht bereits vorhanden ist. Gerade skeptische, kritische oder oppositionelle Gruppen sind anfällig für diese Technik, weil sie auf Anerkennung ihrer Kritik reagieren. Wird diese Kritik aufgegriffen und scheinbar bestätigt, sinkt die Bereitschaft zur weiteren Distanz. Pacing neutralisiert Opposition, indem es sie integriert. Kritik wird nicht unterdrückt, sondern absorbiert.

Psychologisch basiert Pacing auf einem einfachen Prinzip: Menschen folgen eher jemandem, der ihnen ähnlich erscheint. Ähnlichkeit erzeugt Vertrauen, Vertrauen senkt kognitive Wachsamkeit. In diesem Zustand werden neue Informationen weniger kritisch geprüft. Pacing wirkt daher wie ein soziales Beruhigungsmittel. Es reduziert Reibung, bevor Veränderung eingeführt wird.

In digitalen Öffentlichkeiten wird Pacing zunehmend algorithmisch umgesetzt. Plattformen analysieren Stimmungen, Meinungen und Verhaltensmuster in Echtzeit. Inhalte werden dann so angepasst, dass sie bestehende Haltungen bestätigen, bevor sie subtil verschoben werden. Diese Form des algorithmischen Pacing ist besonders effektiv, weil sie personalisiert, kontinuierlich und kaum sichtbar ist. Sie verbindet Pacing direkt mit Priming: Wiederholung und Anpassung greifen ineinander.

Eine Frau bewegt sich empathisch durch eine Menschenmenge und symbolisiert Pacing als Anpassungstechnik zur gezielten Verhaltenslenkung.

Ein weiteres zentrales Feld ist die institutionelle Kommunikation. Organisationen, Unternehmen und staatliche Akteure greifen Kritikpunkte bewusst auf, um sie in kontrollierte Bahnen zu lenken. Begriffe wie „berechtigte Sorgen“, „verständliche Ängste“ oder „notwendige Debatten“ signalisieren Offenheit, ohne strukturelle Konsequenzen nach sich zu ziehen. Pacing dient hier der Stabilisierung bestehender Machtverhältnisse unter dem Deckmantel von Dialog.

Wichtig ist dabei: Pacing funktioniert nur, solange die Anpassung glaubwürdig erscheint. Wird der Übergang zur Führung zu abrupt oder zu offensichtlich, bricht das Vertrauen. Deshalb ist Pacing fast immer graduell. Veränderungen erfolgen schrittweise, in kleinen Verschiebungen. Jede einzelne erscheint harmlos, erst in der Summe zeigt sich die Richtung. Diese Langsamkeit ist kein Nachteil, sondern Teil der Technik.

Pacing ist damit eng mit zeitlicher Steuerung verbunden. Es nutzt Geduld als Machtinstrument. Während offene Manipulation auf schnelle Effekte zielt, setzt Pacing auf langfristige Verschiebung. Es verändert nicht sofort Meinungen, sondern Erwartungshorizonte. Was heute noch als Kompromiss erscheint, gilt morgen als Normalität. Pacing bereitet Normalisierung vor.

Im Zusammenspiel mit Agenda Setting wirkt Pacing besonders stabilisierend. Zunächst wird signalisiert, dass „alle Perspektiven gehört werden“. Anschließend wird der Diskurs schrittweise eingegrenzt. Bestimmte Fragen verschwinden, andere rücken in den Vordergrund. Da der Prozess als inklusiv erlebt wird, bleibt der Ausschluss unsichtbar. Pacing maskiert Macht durch Beteiligungssimulation.

Auch gegenüber Medien funktioniert Pacing als Steuerungsinstrument. Journalistische Routinen, Erwartungen und Selbstbilder werden aufgegriffen, um anschließende Anpassungen zu legitimieren. Kritik an Macht wird nicht verhindert, sondern kanalisiert. Medien übernehmen Deutungsrahmen, weil sie sich darin wiederfinden. Pacing wirkt hier als vorauseilende Harmonisierung.

Damit wird deutlich: Pacing ist keine Randtechnik, sondern ein zentrales Bindeglied moderner Machtkommunikation. Es verbindet Nähe mit Kontrolle, Anerkennung mit Steuerung, Dialog mit Richtungsvorgabe. Seine Stärke liegt darin, dass es selten als Manipulation wahrgenommen wird. Wer folgt, glaubt oft, selbst entschieden zu haben.

Im nächsten Teil wird gezeigt, wie Pacing systematisch in politischen Strategien, Medienkampagnen und digitalen Plattformen eingesetzt wird, wie es mit Gaslighting und Infantilisierung verschränkt werden kann und warum es besonders in scheinbar offenen Gesellschaften so effektiv ist.

Die volle Wirkung von Pacing zeigt sich erst dort, wo es nicht mehr als einzelne Kommunikationstechnik eingesetzt wird, sondern als dauerhaftes Steuerungsprinzip. In modernen Machtarchitekturen ist Pacing kein situatives Mittel mehr, sondern eine strategische Grundhaltung. Macht passt sich an, bevor sie lenkt. Sie beobachtet, spiegelt und integriert, bevor sie verschiebt. Dadurch entsteht ein System, das sich flexibel gibt, in seiner Richtung jedoch bemerkenswert stabil bleibt.

Ein entscheidender Punkt ist die Verbindung von Pacing mit Gaslighting. Während Pacing Vertrauen aufbaut, setzt Gaslighting an dem Punkt an, an dem dieses Vertrauen bereits etabliert ist. Zunächst werden Wahrnehmungen bestätigt: Zweifel gelten als legitim, Kritik als verständlich, Gefühle als berechtigt. Erst später erfolgt die subtile Relativierung dieser Wahrnehmungen. Aussagen wie „so einfach ist das nicht“, „die Lage hat sich verändert“ oder „die Fakten sind komplexer“ verschieben die Bewertungsgrundlage. Da die Beziehung bereits durch Pacing stabilisiert ist, wird diese Verschiebung selten als Manipulation erkannt. Das Subjekt zweifelt nicht an der Macht, sondern an der eigenen Einordnung.

Besonders wirksam ist diese Kombination in langanhaltenden politischen oder gesellschaftlichen Prozessen. Veränderungen werden nicht als Bruch inszeniert, sondern als logische Fortsetzung eines gemeinsam beschrittenen Weges. Pacing erzeugt das Gefühl, Teil des Prozesses zu sein. Gaslighting sorgt dafür, dass abweichende Wahrnehmungen im Verlauf delegitimiert werden, ohne offen unterdrückt zu werden. Kontrolle entsteht hier durch Selbstkorrektur.

Auch Infantilisierung lässt sich nahtlos an Pacing anschließen. Nachdem Nähe und Verständnis signalisiert wurden, folgt schrittweise eine Vereinfachung von Argumenten und Verantwortlichkeiten. Komplexe Zusammenhänge werden reduziert, Alternativen ausgeblendet, Entscheidungen als notwendig und alternativlos dargestellt. Die adressierten Subjekte werden emotional abgeholt, aber kognitiv entlastet. Verantwortung wird nach oben verlagert, während Zustimmung nach unten delegiert wird. Pacing fungiert hier als Einstieg in ein asymmetrisches Verhältnis.

Im medialen Raum zeigt sich diese Dynamik besonders deutlich. Talkformate, Interviews oder Meinungsbeiträge beginnen häufig mit der Anerkennung bestehender Sorgen oder Kritikpunkte. Diese Einleitung erzeugt Anschlussfähigkeit. Erst danach wird die Deutung langsam verschoben: Ursachen werden neu gesetzt, Verantwortlichkeiten umgedeutet, Lösungsräume eingeengt. Da der Einstieg konsensual war, wird die spätere Lenkung selten als Zumutung empfunden. Pacing ermöglicht mediale Steuerung ohne sichtbaren Eingriff.

Digitale Plattformen haben Pacing auf eine neue Stufe gehoben. Algorithmen reagieren in Echtzeit auf Nutzerverhalten, Stimmungen und Präferenzen. Inhalte werden so angepasst, dass sie zunächst vorhandene Einstellungen bestätigen. Erst im nächsten Schritt erfolgt eine graduelle Verschiebung – durch veränderte Gewichtung, neue Kontextualisierung oder selektive Sichtbarkeit. Diese algorithmische Form des Pacing ist kontinuierlich, personalisiert und nahezu unsichtbar. Sie verknüpft emotionale Anschlussfähigkeit mit struktureller Kontrolle.

In diesem Kontext wird deutlich, warum Pacing so eng mit Priming verbunden ist. Während Pacing Nähe herstellt, sorgt Priming für Wiederholung. Bestimmte Begriffe, Narrative und Bewertungsmuster tauchen immer wieder auf, leicht variiert, scheinbar organisch. Diese Wiederholung stabilisiert die durch Pacing vorbereitete Verschiebung. Was zunächst wie ein vorsichtiges Entgegenkommen wirkt, wird mit der Zeit zur neuen Selbstverständlichkeit.

Politisch problematisch ist Pacing vor allem deshalb, weil es demokratische Gegenwehr erschwert. Klassische Kritik richtet sich gegen offene Machtausübung, gegen Zwang, Verbote oder autoritäre Entscheidungen. Pacing entzieht sich dieser Kritik, weil es Zustimmung simuliert. Entscheidungen erscheinen als Ergebnis gemeinsamer Einsicht, nicht als Durchsetzung von Interessen. Macht bleibt unsichtbar, weil sie dialogisch auftritt.

Langfristig führt dies zu einer Erosion politischer Urteilskraft. Wenn jede Position zunächst bestätigt und anschließend relativiert wird, verliert Kritik ihre Schärfe. Widerstand wird nicht bekämpft, sondern entschärft. Pacing produziert Konformität nicht durch Repression, sondern durch Integration. Abweichung wird nicht ausgeschlossen, sondern absorbiert und umgedeutet.

Ein weiterer Effekt ist die Verschiebung von Verantwortung. Pacing suggeriert Beteiligung, ohne reale Entscheidungsmacht zu übertragen. Subjekte fühlen sich gehört, obwohl sie strukturell machtlos bleiben. Diese Diskrepanz zwischen gefühlter und tatsächlicher Einflussnahme stabilisiert bestehende Machtverhältnisse. Unzufriedenheit richtet sich nicht gegen das System, sondern gegen diffuse Faktoren: Komplexität, Sachzwänge, äußere Umstände.

Pacing wirkt damit wie ein soziales Schmiermittel für Macht. Es reduziert Reibung, dämpft Konflikte und verlangsamt Eskalation. Gleichzeitig verhindert es grundlegende Auseinandersetzungen über Richtung, Ziele und Alternativen. Veränderung wird kleinteilig, kontrolliert und reversibel. Radikale Brüche werden unwahrscheinlich, nicht weil sie verboten sind, sondern weil sie unvorstellbar werden.

In Verbindung mit Agenda Setting entsteht ein besonders stabiles Steuerungsmodell. Zunächst wird signalisiert, dass alle Themen diskutierbar sind. Im Verlauf werden bestimmte Fragen jedoch systematisch an den Rand gedrängt, andere priorisiert. Da dieser Prozess von Pacing begleitet wird, erscheint die Einschränkung des Diskurses nicht als Machtakt, sondern als sachliche Fokussierung. Öffentlichkeit wird gelenkt, ohne sichtbar gelenkt zu werden.

Pacing ist daher kein Zeichen von Schwäche, sondern von fortgeschrittener Macht. Wer pacingfähig ist, muss nicht zwingen. Er kann warten, beobachten und anpassen. In offenen Gesellschaften ist diese Form der Steuerung besonders effektiv, weil sie mit demokratischen Idealen kompatibel erscheint. Dialog, Empathie und Beteiligung werden zur Oberfläche einer tief asymmetrischen Struktur.

Damit wird klar: Pacing ist keine harmlose Kommunikationstechnik, sondern ein zentrales Instrument moderner Manipulation. Es bereitet Führung vor, ohne sie zu benennen. Es erzeugt Zustimmung, ohne Alternativen offenzulegen. Es bindet Subjekte emotional, während es sie strukturell entmachtet.

Wissenschaftliche Quellen

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Bild: Ki Illustration

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