Agenda Setting ist eine der wirkmächtigen und zugleich am wenigsten offensichtlichen Techniken moderner Macht. Sie entscheidet nicht darüber, was Menschen denken sollen, sondern darüber, worüber sie nachdenken. Diese Verschiebung ist zentral. Während offene Manipulation an Überzeugungen ansetzt, strukturiert Agenda Setting den Möglichkeitsraum des Denkens selbst. Was nicht auf der Agenda steht, existiert politisch und medial kaum – selbst dann nicht, wenn es gesellschaftlich relevant wäre.
Der Grundmechanismus ist einfach, seine Wirkung tiefgreifend: Aufmerksamkeit ist begrenzt. Öffentlichkeit kann nicht alles gleichzeitig wahrnehmen. Wer Themen priorisiert, ordnet, wiederholt oder verdrängt, lenkt diese Aufmerksamkeit. Medien übernehmen dabei eine Schlüsselfunktion. Sie fungieren als Filter, die aus einer Vielzahl potenzieller Ereignisse, Probleme und Perspektiven eine handhabbare Auswahl erzeugen. Diese Auswahl erscheint neutral, ist aber strukturell geprägt – durch ökonomische Zwänge, politische Interessen, institutionelle Routinen und kulturelle Deutungsmuster.
Agenda Setting wirkt vorpolitisch. Bevor Meinungen gebildet, Positionen bezogen oder Konflikte ausgetragen werden, wird entschieden, welche Themen überhaupt als relevant gelten. In diesem Sinne ist Agenda Setting eine Machttechnik der ersten Ordnung. Sie schafft den Rahmen, in dem Framing, Priming und andere Manipulationsformen überhaupt erst greifen können. Ohne Agenda kein Frame, ohne Thema keine Bewertung.
Besonders wirksam ist Agenda Setting, weil es kaum als Eingriff wahrgenommen wird. Es operiert nicht mit Verboten, sondern mit Auswahl. Themen werden nicht unterdrückt, sondern schlicht nicht prominent platziert. Andere werden verstärkt, wiederholt, emotional aufgeladen. Diese Gewichtung erscheint als journalistische Routine oder als Spiegel gesellschaftlicher Interessen, obwohl sie diese Interessen aktiv mitformt.
Historisch ist Agenda Setting eng mit der Entwicklung moderner Massenmedien verbunden. Mit der Ausweitung von Presse, Rundfunk und später digitalen Plattformen wurde Aufmerksamkeit zur knappen Ressource. Redaktionen mussten auswählen, priorisieren, bündeln. Was zunächst als organisatorische Notwendigkeit begann, entwickelte sich zu einem zentralen Machtinstrument. Die Frage, welche Themen „es wert sind“, berichtet zu werden, ist nie rein technisch, sondern immer normativ.
In politischen Systemen wirkt Agenda Setting als Steuerungsinstrument, das Konflikte kanalisiert. Bestimmte Probleme werden als dringlich dargestellt, andere als nebensächlich oder erledigt. So entstehen Konjunkturen der Aufmerksamkeit: Themen tauchen auf, dominieren den Diskurs und verschwinden wieder, oft ohne gelöst zu sein. Diese Zyklen erzeugen den Eindruck permanenter Aktivität, während strukturelle Fragen im Hintergrund bleiben. Agenda Setting produziert Bewegung, ohne notwendigerweise Veränderung zu ermöglichen.
Ein klassisches Muster ist die Personalisierung komplexer Probleme. Statt systemischer Ursachen werden individuelle Akteure, Skandale oder symbolische Ereignisse in den Vordergrund gerückt. Dadurch bleibt der Diskurs handhabbar, aber oberflächlich. Strukturelle Machtverhältnisse, etwa durch Monopolisierung, geraten aus dem Blick, weil sie schwer zu dramatisieren sind. Agenda Setting entscheidet hier nicht nur über Themen, sondern über Tiefe.
In digitalen Öffentlichkeiten hat sich Agenda Setting weiter ausdifferenziert. Plattformen und Algorithmen übernehmen zunehmend die Rolle klassischer Redaktionen. Trending Topics, Empfehlungslogiken und Reichweitenmetriken bestimmen, was sichtbar wird. Diese Prozesse erscheinen objektiv, sind aber hochgradig normativ. Sie belohnen Emotionalität, Zuspitzung und Anschlussfähigkeit. Langsame, komplexe oder widersprüchliche Themen haben es schwer, dauerhaft präsent zu bleiben.
Diese algorithmische Form des Agenda Setting verstärkt bestehende Machtasymmetrien. Akteure mit Ressourcen, Reichweite und professioneller Kommunikationsinfrastruktur können Themen setzen und halten. Andere reagieren. Agenda Setting wird so zu einem Privileg. Wer die Agenda kontrolliert, zwingt andere in eine defensive Position: Sie müssen Stellung beziehen, statt eigene Themen zu platzieren.
Politisch ist dies besonders relevant, weil Agenda Setting demokratische Aushandlungsprozesse strukturiert. Wahlen, Debatten und Entscheidungsfindung orientieren sich an der wahrgenommenen Themenlage. Wenn bestimmte Fragen nicht auf der Agenda stehen, können sie auch nicht entschieden werden. Agenda Setting begrenzt somit indirekt demokratische Optionen, ohne formale Regeln zu ändern.
Ein weiteres zentrales Element ist die zeitliche Steuerung. Agenda Setting funktioniert nicht nur über Auswahl, sondern über Dauer. Themen, die lange präsent bleiben, erscheinen wichtiger als solche, die schnell wieder verschwinden. Diese Dauer wird aktiv produziert – durch Wiederholung, neue Anlässe, Anschlussnarrative. Andere Themen werden durch Unterbrechung marginalisiert. Aufmerksamkeit ist kein neutraler Fluss, sondern ein gezielt reguliertes Gut.
Agenda Setting ist eng mit Pacing verbunden. Zunächst wird an bestehende Interessen und Sorgen angeschlossen, um Aufmerksamkeit zu gewinnen. Erst danach erfolgt die thematische Verschiebung. Neue Prioritäten werden eingeführt, während alte langsam verblassen. Diese Übergänge sind selten abrupt. Sie erfolgen graduell, begleitet von scheinbar plausiblen Begründungen. Das Publikum erlebt den Wandel als organisch, nicht als gelenkt.
Auch Priming spielt hier eine wichtige Rolle. Durch wiederholte Thematisierung werden bestimmte Assoziationen aktiviert, noch bevor explizite Bewertungen erfolgen. Wenn ein Thema dauerhaft in einem bestimmten Kontext auftaucht, prägt dies die Wahrnehmung seiner Bedeutung. Agenda Setting bestimmt also nicht nur, dass über etwas gesprochen wird, sondern auch, wie es mental verankert wird.
Ein oft übersehener Aspekt ist die Wechselwirkung zwischen Agenda Setting und Selbstwahrnehmung von Medien. Redaktionen verstehen sich als Spiegel der Gesellschaft, nicht als ihre Gestalter. Diese Selbstbeschreibung stabilisiert die Technik. Entscheidungen über Themen erscheinen als Reaktion auf „das, was die Leute interessiert“, obwohl diese Interessen selbst medial geformt sind. Agenda Setting verschleiert sich durch Zirkularität.
Damit wird deutlich: Agenda Setting ist keine Manipulation im klassischen Sinn, sondern eine strukturelle Form der Macht. Sie wirkt nicht punktuell, sondern dauerhaft. Sie erzeugt Realität, indem sie Relevanz verteilt. Wer Agenda Setting kontrolliert, kontrolliert die Voraussetzungen politischer Wahrnehmung.
Im nächsten Teil wird gezeigt, wie Agenda Setting systematisch mit Panopticon, Zensur und Monopolisierung verschränkt wird, wie Themenverdrängung funktioniert und warum Agenda Setting in offenen Gesellschaften besonders stabil ist.

Die eigentliche Macht von Agenda Setting zeigt sich dort, wo Themen nicht nur gesetzt, sondern systematisch verdrängt werden. Themenverdrängung ist kein Nebeneffekt, sondern integraler Bestandteil der Technik. Aufmerksamkeit ist endlich. Jedes Thema, das dominiert, verdrängt andere. Diese Verdrängung erfolgt selten offen. Sie geschieht durch Priorisierung, Taktung und Kontextualisierung. Agenda Setting wirkt dadurch wie ein permanenter Filter, der gesellschaftliche Wirklichkeit sortiert, bevor sie überhaupt diskutierbar wird.
Besonders stabil wird diese Technik im Zusammenspiel mit dem Panopticon. In überwachten Öffentlichkeiten passen sich Akteure antizipierend an erwartete Themenlagen an. Journalisten, Politiker, Institutionen und Organisationen orientieren sich an dem, was als anschlussfähig gilt. Themen, die als randständig, riskant oder diskursiv unerwünscht gelten, werden gar nicht erst vorgeschlagen. Agenda Setting wirkt hier nicht nur von oben nach unten, sondern durch Selbstselektion. Kontrolle wird internalisiert.
Diese Selbstdisziplinierung ist ein entscheidender Unterschied zu klassischer Zensur. Statt Inhalte zu verbieten, verändert Agenda Setting die Wahrscheinlichkeit ihres Erscheinens. Was nicht auftaucht, muss nicht unterdrückt werden. Diese Form der Macht ist besonders wirksam, weil sie kaum Konflikte erzeugt. Es gibt keinen sichtbaren Eingriff, keinen Skandal, keine klare Verantwortlichkeit. Öffentlichkeit bleibt formal offen, faktisch aber vorstrukturiert.
Im Kontext von Monopolisierung verschärft sich dieser Effekt erheblich. Wenn wenige Akteure die zentralen Distributionskanäle kontrollieren, wird Agenda Setting strukturell konzentriert. Themenvielfalt existiert dann vor allem innerhalb enger Grenzen. Abweichende Perspektiven erscheinen vereinzelt, aber nicht dauerhaft. Sie werden nicht verboten, sondern isoliert. Sichtbarkeit wird zur Währung, die monopolistisch verwaltet wird.
Diese Macht über Sichtbarkeit erzeugt eine neue Form politischer Abhängigkeit. Akteure, die gehört werden wollen, müssen sich an die bestehende Agenda anpassen. Sie reagieren auf gesetzte Themen, statt eigene zu etablieren. Politik wird reaktiv. Gestaltung wird durch Stellungnahme ersetzt. Agenda Setting verschiebt Macht von der Entscheidungsebene auf die Ebene der Aufmerksamkeit.
Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Emotionalisierung von Agenden. Themen, die starke Emotionen erzeugen, lassen sich leichter platzieren und länger halten. Angst, Empörung, Moral und Bedrohung werden bevorzugt. Komplexe, langfristige oder strukturelle Fragen verlieren gegen zugespitzte Konflikte. Agenda Setting begünstigt damit Kurzfristigkeit. Politik wird episodisch, nicht strategisch.
Hier zeigt sich die enge Verbindung zu Angst-Nudging. Wenn bestimmte Themen immer wieder mit Unsicherheit oder Bedrohung verknüpft werden, prägen sie die Wahrnehmung gesellschaftlicher Prioritäten. Andere Themen erscheinen im Vergleich nebensächlich oder luxuriös. Agenda Setting steuert so nicht nur Aufmerksamkeit, sondern auch Dringlichkeit. Was als dringend gilt, verdrängt alles andere.
Digitale Plattformen verstärken diese Dynamik durch Echtzeit-Feedback. Klickzahlen, Likes und Shares dienen als scheinbar objektive Indikatoren gesellschaftlicher Relevanz. Tatsächlich bilden sie lediglich Resonanz auf bereits gesetzte Themen ab. Dieser Rückkopplungseffekt stabilisiert bestehende Agenden. Themen, die früh Sichtbarkeit erhalten, verstärken sich selbst. Andere verschwinden im Rauschen.
Agenda Setting wirkt dabei nicht homogen. Unterschiedliche Öffentlichkeiten erhalten unterschiedliche Agenden. Personalisierte Feeds, Filterblasen und Segmentierung sorgen dafür, dass Aufmerksamkeit fragmentiert wird. Diese Fragmentierung verhindert kollektive Fokussierung auf strukturelle Probleme. Gesellschaftliche Konflikte werden parallelisiert, nicht gebündelt. Agenda Setting wird granular, ohne an Macht zu verlieren.
Politisch problematisch ist diese Entwicklung, weil sie Verantwortlichkeit auflöst. Wenn jede Gruppe mit anderen Themen beschäftigt ist, wird gemeinsame Kritik erschwert. Macht kann ausweichen, indem sie Debatten verteilt. Agenda Setting wird so zu einem Instrument der Entkopplung. Öffentlichkeit existiert, aber sie ist zersplittert.
Ein oft unterschätzter Effekt ist die Normalisierung von Dauerkrisen. Wenn ständig neue Themen auf die Agenda gesetzt werden, entsteht ein Zustand permanenter Aufmerksamkeit. Jede Krise verdrängt die vorherige, bevor Konsequenzen gezogen werden. Diese Dynamik erzeugt Erschöpfung. Mündige Öffentlichkeiten hinterfragen weniger. Agenda Setting nutzt Überforderung als Stabilisierungseffekt.
In Verbindung mit Pacing wirkt diese Überforderung besonders effizient. Zunächst wird signalisiert, dass Sorgen ernst genommen werden. Anschließend werden neue Prioritäten gesetzt, während alte ungelöst bleiben. Der Diskurs bewegt sich, ohne voranzukommen. Veränderung wird simuliert, Stillstand stabilisiert.
Langfristig untergräbt Agenda Setting damit die Fähigkeit zur strukturellen Kritik. Wenn Probleme nur episodisch erscheinen, werden ihre Ursachen nie systematisch bearbeitet. Macht bleibt reaktiv, nicht rechenschaftspflichtig. Agenda Setting ersetzt politische Auseinandersetzung durch thematische Rotation.
Damit wird deutlich: Agenda Setting ist keine neutrale Medienfunktion, sondern eine zentrale Technik moderner Macht. Sie bestimmt nicht, was wahr ist, sondern was relevant erscheint. Diese Relevanz entscheidet darüber, welche Fragen gestellt, welche Lösungen diskutiert und welche Machtverhältnisse sichtbar werden.
Wer Agenda Setting kontrolliert, kontrolliert den Zugang zur politischen Wirklichkeit. Nicht durch Zwang, sondern durch Auswahl. Nicht durch Verbot, sondern durch Priorisierung. In offenen Gesellschaften ist dies eine der effektivsten Formen von Macht – gerade weil sie selten als solche erkannt wird.
Wissenschaftliche Quellen
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