Von den Linken und den Rechten in der Nacht

Zwei posierende Frauen in einem düsteren russischen Zimmer, im Sturm zwischen Täuschung und moralischem Ringe
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Es war spät, und das Zimmer roch nach kaltem Tee und Schuld.
Der Wind schlug gegen die Fensterscheibe wie eine unerbittliche Frage,
und ich fragte mich, ob der Mensch je etwas anderes tut,
als zwischen Lüge und Wahrheit zu schwanken
wie ein Verurteilter zwischen zwei Richtern.

Man sagt, ein Mensch könne „link“ handeln,
und es klingt so harmlos, fast spöttisch –
doch in Wahrheit ist es ein Dolchstoß,
ein kleiner Verrat, der in der Dunkelheit beginnt
und im Herzen wächst wie eine Krankheit.
Jemanden „gelinkt“ zu haben –
das ist der Anfang jeder Sünde,
ein leiser Schritt weg vom Licht.

Und dann spricht man vom „Rechten“,
vom Rechten Tun,
als wäre es einfach, als wäre es klar,
als gäbe es ein sichtbares Zeichen,
das sagt: Hier, hier ist der Weg der Gerechtigkeit.
Aber ich habe Männer gesehen – gute Männer –,
die verzweifelt vor diesem Wort standen
wie vor einer verschlossenen Tür
und nicht wussten, ob sie klopfen durften.
Denn was ist das „Rechte“,
wenn das Herz selbst dunkel ist?

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Die Politik – ach, dieses Schauspiel,
in dem Menschen sich in Farben kleiden
und glauben, dadurch Wahrheit zu gewinnen.
Links, rechts – Worte wie abgenutzte Münzen,
die durch zu viele Hände gegangen sind.
Der eine nennt sich „links“
und glaubt an Erlösung im Kollektiv,
der andere nennt sich „rechts“
und sucht Ordnung in alten Schatten.
Doch keiner bedenkt,
dass das Linke nichts mit dem Betrug,
und das Rechte nichts mit moralischer Reinheit zu tun hat.
Sie haben die Wörter verwechselt,
wie man im Dunkeln die Kleider eines Fremden anzieht.

Ich sage dir:
Der Mensch, der linkt, trägt die Hölle in sich,
auch wenn er sich rot, blau oder schwarz bemalt.
Und der Mensch, der das Rechte tut,
hat oftmals blutige Hände,
weil ein rechter Weg selten ohne Opfer gefunden wird.

Ja, es gibt ein politisches Spektrum –
aber der wahre Kampf findet nicht
zwischen links und rechts statt.
Er tobt im Menschen selbst,
dort unten, wo kein Licht hinfällt,
dort, wo der schwache Wille
gegen die dunkle Freiheit kämpft,
dort, wo ein stilles Flüstern sagt:
„Linke ihn, es sieht doch niemand.“
Und ein anderes, kaum hörbar, antwortet:
„Tu’ das Rechte, auch wenn es dich zerbricht.“

Und vielleicht –
ja, vielleicht besteht die ganze Zivilisation
nur darin,
dass wir diesem zweiten Flüstern
hin und wieder zuhören.

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Bild: Ki Illustration

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