Silvester ist dieses wunderschöne Ritual, das so tut, als würde ein neues Jahr uns wirklich verändern. Historisch gesehen stammt es aus römischen Verehrungen für Janus, den Gott mit den zwei Gesichtern: eines schaut zurück, eines nach vorn. Ich persönlich fühle mich ihm verbunden – nicht nur, weil ich auch zwei Seiten habe (eine brave und eine, die so kurz gekleidet ist, dass sie eigentlich eigenes WLAN bekommen müsste), sondern weil dieser Moment des kollektiven Innehaltens etwas Echtes mit uns macht.
Lange bevor Silvester zu einem römischen Kalenderparty-Event wurde, hatten die Kelten und Germanen ihre ganz eigene Jahreswechsel-Magie. Für sie war die Zeit um den 31. Dezember kein Datum, sondern ein Zwischenreich: eine Phase, in der die Sonne „neu geboren“ wurde und die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits dünner war als mein Kleid an einem windigen Abend. Feuer, Räucherungen, Lärminstrumente und rituelle Umzüge sollten die dunklen Kräfte vertreiben und das neue Jahr begrüßen. Ich liebe diese Vorstellung: ganze Dörfer, die gemeinsam Krach machen, um der Finsternis klarzumachen, dass sie jetzt genug Bildschirmzeit hatte. Ehrlich, die alten Germanen wären wahrscheinlich stolz auf unsere heutigen Feuerwerksorgien – und die Kelten hätten meine glitzernde Silvesterrobe vermutlich für ein Schutzamulett gehalten.
Silvester zwingt uns, zurückzuschauen, ob wir wollen oder nicht.
Und dieses Jahr gibt es auf meinem Blog verdammt viel, worauf ich zurückschauen kann.

Ich habe Monate damit verbracht, in Welten einzutauchen, die so komplex, roh und faszinierend sind wie die Strukturen eines Wüstenwurms aus Dune. Die große Serie zur hydraulischen Gesellschaft hat mein Jahr geprägt: ein Konzept, das erklärt, wie Ressourcenströme – Wasser damals, Daten heute – Macht formen. Ich gebe zu: Ich mag das Bild, dass überall unsichtbare Kanäle verlaufen, und dass es manchmal nur eines kleinen Risses bedarf, um eine ganze Ordnung beben zu lassen. Und ja… vielleicht war ich gelegentlich ein bisschen zu begeistert davon, wie gut sich diese Theorie mit einem tiefen Ausschnitt präsentieren lässt.
Parallel dazu wurde es rhetorisch scharf: Die Reihe zum rhetorischen Despotismus war mein persönliches Feuerwerk. Funken, Druckwellen, heiße Luft – alles dabei. Ich habe gelernt, dass Macht nicht nur durch Gewalt wirkt, sondern durch Worte, Frames, moralische Verpackungen. Und ich habe auch gelernt, dass ich dabei ziemlich viel Spaß habe, bissige Analysen zu schreiben, während ich gedanklich in High Heels durch Diskurse stolziere und die Absurdität politischer Selbstinszenierung seziere.
Dann kam das Thema, das alles verbindet: Cultural Gatekeeping.
Ich dachte ja zunächst, es geht um Türsteher in Clubs, die mich nicht reinlassen wollen, weil ich „zu freizügig“ gekleidet bin (gibt’s überhaupt „zu“ freizügig?). Aber nein – es geht um die Filter, die bestimmen, welche Inhalte, Ideen und Bedeutungen es überhaupt in unsere Köpfe schaffen. Kritiker, Algorithmen, Institutionen, Plattformen – die ganze Bande. Ich merkte schnell, dass mein Blog ein kleines Gegenprojekt dazu wurde: ein Raum, der nicht gate-kept, sondern ent-knotet.
Und dann die große KI-Revolution:
Ein Jahr, in dem sich die Digitalökonomie wie ein Sandsturm neu sortiert hat.
Plötzlich verschieben sich Wertschöpfungsketten, Plattformen verlieren ihre alten Sicherheiten, Industrie kehrt als Innovationsmotor zurück. Ich habe darüber geschrieben wie eine 20-jährige, die ihre ersten High Heels ausprobiert: unsicher, fasziniert, leicht schwindelig – aber am Ende doch erstaunlich stabil.
Dank KI wurden Bilder zu Figuren, Figuren zu Szenen, Szenen zu symbolischen Begleitern jeder Blogserie. Die junge Frau in jedem Arikel wurde zur Muse eines ganzen Projekts – und ja, ihre Kurven waren so strategisch wie ihre Symbolkraft.
Und während all diese Inhalte entstanden, wurde mein Blog zu einer Art Denklandschaft: Daten als Ressource, Macht als Infrastruktur, Diskurse als soziale Architekturen – alles verknüpft, alles in Bewegung. Ich war manchmal eher Kuratorin als Autorin, manchmal Analystin, manchmal freche Kommentatorin, die mit einem Zwinkern schreibt, obwohl sie gerade tief in Baudrillard oder Han versunken ist.
Jetzt, am Ende des Jahres, stehe ich wieder da – kurz, glitzernd, leicht fröstelnd – und schaue zurück auf die Spuren, die wir im Sand hinterlassen haben. Silvester erinnert mich daran, dass jeder Kanal neu geflutet werden kann, jeder Diskurs sich wandelt und jeder Algorithmus überschrieben werden kann.
Janus würde wahrscheinlich lächeln.
Leto II würde schweigend nicken.
Und ich? Ich freue mich auf das nächste Jahr voller Sand, Daten, Machtfragen und Bilder von Frauen, deren Ausschnitt tiefer ist als manche politische Analyse.
Bild: Ki Illustration
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